Missing Oma

In Erinnerung an meine Oma. Immer in meinem Herzen!

Erst kürzlich wieder tauchte in meinem Kopf ein Bild meiner verstorbenen Oma auf. Ich habe das Gefühl, dass passiert häufiger in letzter Zeit. Vielleicht täuscht es aber, und es hängt mit der Vorweihnachtszeit zusammen. Sind wir da nicht alle ein bisschen sentimentaler als sonst?

Der Grund ist eigentlich egal, Tatsache ist: Ich vermisse meine verstorbene Oma.

Unzählige Bilder tauchen in meinem Kopf auf … Unter anderem denke ich z.B. an den Garten in Wiener Neustadt. Es war kein Bilderbuch-Garten, der in einem Gartenjournal Aufmerksamkeit gefunden hätte. Kein perfekt getrimmter Rasen, der nur barfuß, wenn überhaupt betreten werden durfte. Es zeigte sich Unkraut dort und da, ausgebleichte Flecken, die niemanden störten, oder gar dazu veranlassten diese auszuwechseln gegen frisches Grün.

Meine Großeltern hatten immer Tiere, u.a. Hunde – diese durften überall im Garten herumlaufen, dass dabei eine Hinterlassenschaft manchmal „unerlaubt“ am Grün Platz nahm, war ganz natürlich. Das hat niemanden gestört, denn so schnell sie da war, war sie auch wieder weg. Vielleicht hat es deshalb niemanden gestört 😉

Dieser Garten war für meine Schwester Karin und mich eine Spieloase, ein Abenteuercamp. Es gab so viel zu entdecken. Großzügig angelegte Gemüsebeete (täglich frisches Gemüse!), Obstbäume und Sträucher, ein Insekt versteckt im Eck, fliegend, kriechend, saugend, uns zum Staunen, Kreischen oder Weglaufen veranlassend.

Ach, wie oft haben wir Oma beim Unkrautzupfen (mit Freude) geholfen, dabei meditiert, ohne dass wir es wussten …

Versunken in die Arbeit, die für uns keine wahr, denn Oma konnte uns selbst wenig schmackhafte Aufgaben so „verkaufen“, dass wir mit Freude ans Werk gingen. Vielleicht auch, weil wir wussten, dass nach getaner Arbeit ein leckeres Stück Kuchen auf uns wartete …

Genau genommen, gab es bei dieser Unkraut-Rupferei ja niemals ein Ende. Denn kaum hatten wir an einer Stelle begonnen, hätten wir gleich wieder an den Start zurückkönnen.

Ein anderes Bild poppt auf: Ich sehe mich radelnd am Feldweg, den Sommer, die Sonne genießend. Ich spüre den weichen Boden und radle und radle, fühle mich unglaublich wild und frei – und habe in diesen Augenblick (noch) keine Ahnung, wie kostbar genau solche Momente sind, wie oft ich später daran denken werde.

Lass dich nicht unterkriegen, sei Frech und Wild und Wunderbar! Astrid Lindgren

Wie Frech und Wild und wunderbar bin ich heute noch?

Manchmal tauchen auch Bilder auf, die nicht sonnendurchflutet, fedrig leicht waren, die niemand einrahmen möchte, um daran erinnert zu werden. Eher gedankenschwer und traurig. Aber auch das ist ok. Auch meine Oma hatte Tage, die wahrscheinlich sie selbst ungeschehen machen wollte.

Ich schweife kurz nach Italien ab, gemeinsam mit Omas Freundin machten wir uns per Bus auf nach Italien. Ich war ca. 14 Jahre, ein Alter, dass wenig dazu beiträgt besonnen und vorausblickend zu agieren. Rückblickend frage ich mich immer noch, warum habe ich dazu ja gesagt. Aber wie oft sollte mir das noch in meinem Leben passieren. Ich sage ja und meine nein. Kommt dir das bekannt vor?

Ich war glücklich, als ich im Hotel eine Gruppe gleichaltriger Burschen und Mädchen kennenlernte. Man alberte herum, flirtete, nippte mal kurz an einem Glas Wein – harmloses Teenagergehabe. Damit war ich aber allein, weder die Freundin meiner Oma noch sie selbst, waren über mein Gebaren amused (wie die englische Königin wohl dazu sagen würde). Als sie mich dann noch mit einer Zigarette erwischte – oh mein Gott! Der Skandal war perfekt. Ich erhielt eine schallende Ohrfeige und – ihr könnt euch denken – der Urlaub war gelaufen. Was geschah, als wir zurück in die Heimat fuhren, brauche ich wohl nur kurz anzuschneiden. Meine Eltern waren stinksauer, nachdem Oma Bericht erstattet hatte (sie hatte maßlos übertrieben, mich als Femme fatale, rauchend und saufend dargestellt), was ich zu sagen hatte, war uninteressant.  

Kennt ihr das Gefühl von himmelschreiender Ungerechtigkeit? Das war definitiv so ein Moment. Ein Moment, wo du nichts tun kannst, als hoffen, dass alles bald ein Ende findet.

Zugegeben, diese Episode ist keine Schöne. Warum habe ich sie eingebaut? Weil ich zeigen möchte, dass alle Menschen Fehler machen, desweilen zu Übertreibungen neigen, eine Art der Interpretation haben, die uns nicht gefällt, aber dennoch existiert sie. Und auch wenn uns manches an Eigenschaften, Neigungen, Verhalten an Menschen verstört, kränkt, uns unter Umständen so wütend macht, dass wir explodieren könnten, wir aber dennoch das Gute, das positive, dass diesen Menschen ausmacht sehen können. 

Meine Oma hatte auch ihre Launen – so wie wir alle auch. Wenn heute ein Mensch zu mir kommt, der sagt, er sei immer ausgeglichen, niemals aufbrausend oder verletzend – ich glaube ihm nicht.

Oma war sehr großzügig und hat uns –  wo immer sie konnte – unterstützt. Privat (mit aufmunternden Worten, wenn`s mal z.B. in Beziehungen nicht so gut lief), finanziell, wenn`s mal Engpässe gab (davon gab es mehrere), aber auch, wenn wir Hilfe im Haushalt brauchten.

Woran ich auch immer wieder gerne denke, sind unsere Ausflüge – egal wo hin. Oma war bis ins hohe Alter aktiv, und abenteuerlustig. Ich glaube, dass haben meine Schwester Karin und ich von ihr. Wir haben beide dieses Zigeunerblut in uns, sind gerne unterwegs (muss nicht immer gleich das Ende der Welt sein), wochenlanges verreisen, manchmal reicht ein Bezirkswechsel, um neue Kulturen zu entdecken.

Wenn wir als Kinder brav waren, sind wir mit Oma z.B. nach Bad Sauerbrunn gefahren. Allein das Einsteigen und die Fahrt mit dem Bus war aufregend für uns. Heute sieht es ja ganz anders aus, vieles wurde im Laufe der Jahre umgebaut, modernisiert, den heutigen Bedürfnissen der Kurgäste angepasst. Aber als wir Kinder waren, hatte es etwas Ursprüngliches, verwildertes. Es lud zum Entdecken ein. Da gab es unter anderem einen „Fit-mach-mit-Parkour“, ach was haben wir diesen Parkour im Wald geliebt. Wir sind gesprungen, geklettert, balanciert, haben gelacht, dass sich die Balken bogen, und Oma hat so gut sie konnte mitgemacht. Erschöpft, aber unglaublich glücklich, haben wir im Anschluss in einem kleines Café Platz genommen (gibt`s auch nicht mehr) und genüsslich unser Eis geschleckt.

Wenn ich meine Augen schließe, mich an diese Momente zurückerinnere, kann ich immer noch die Freude spüren, die Liebe von Oma, den Geschmack des Gefrorenen schmecken.

Der Grundstein für meine Tierliebe wurde sicher in Wiener Neustadt gelegt. Wir hatten immer einen Haflinger (Bubi, Opas bester Freund), der für nicht viel da war, außer, dass er manchmal an die Kutsche gespannt wurde, um mit uns ein paar Runden zu drehen. Zum Reiten war er weniger geeignet. Aber dazu später.

Opa war zwar immer da, aber nicht wirklich präsent. „Die Arbeit“ mit uns Kindern, war Omas Aufgabe, da mischte er sich nicht ein. Aber ich denke, diese Kutschen-Ausfahrten mit uns, bereiteten ihm wirklich Freude und zauberten ihm ab und an sogar ein Lächeln ins Gesicht.

Des Weiteren gab es unzählige Hühner, 2 Hunde, einige Katzen, 2-3 Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen, viele Spinnen (uahhh) und einmal hatten wir sogar ein hinkendes Schwein. Irgendwann war es weg, wo ist es wohl gelandet …

Geht die Fantasie mit mir durch, oder hatten wir auch mal Ponys und einen Esel?

Es gab eine Zeit, da fanden 2 Pferde bei uns Unterschlupf: Falco und Shadow – ich erinnere mich ganz genau, Falco war braun, Shadow grau-weiß. Beide riesengroß, ich war mächtig beeindruckt! Auch diese waren nach einiger Zeit wieder weg – nur im Gegensatz zum hinkenden Schwein, wurden diese zwei Prachtexemplare sicher nicht verspeist, sondern haben einfach ihre Unterkunft gewechselt.

Es gibt ein Foto (wo ist es nur), da sieht man Karin und mich auf Stufen sitzend, mit Babyziegen im Arm. Die Mutterziegen hatten zu wenig Milch, und so mussten wir sie zusätzlich mit Babyflascherl füttern. Kann man sich vorstellen, was das für Glücksmomente für uns waren? Wieviel Freude wir dabei hatten? Diese süßen schmatzenden Geräusche – wir haben diese Zickleins wie Babys in unseren Armen gehalten, gefüttert und abgeknutscht!

Ich komme auf unseren Haflinger Bubi zurück. Er was als Arbeitspferd kaum eingesetzt und hin und wieder – wie oben bereits erwähnt – als Kutschenpferd eingespannt. Etienne, mein Stiefvater, war leidenschaftlicher Reiter und wollte auch mir das Reiten beibringen. Jegliche Warnung meiner Großeltern trotzend, setzte er sich durch, und ich wurde auf das Pferd verfrachtet. Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl, und es kam, wie es kommen musste: Ich flog vom Pferd auf meinen linken Arm und schrie vor lauter Schmerz auf. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber ich schätze, ich war ca. 10 Jahre. Ich hatte „nur“ eine Prellung, aber alle, die mal eine Prellung hatten, wissen, dass dies schmerzhafter sein kann, als jeder Bruch.

Es gab in Wiener Neustadt 3 Haushalte, eine Bauernstube (besonders im Winter frequentiert, da es dort eine Heizung gab), vis a vis ein kleines Häuschen (so klein, dass man nur gebückt ein- und austreten konnte), wo auch manchmal gekocht wurde und ein Sommerhäuschen hinten im Garten (da es keine Heizung gab, war es im Winter unbrauchbar). Das hört sich vielleicht sehr imposant an, wow, drei Haushalte, aber alle drei Häuser waren sehr einfach gehalten, teilweise überladen, kaum Platz zum Sitzen, aber für uns war es trotzdem urgemütlich.

Am liebsten, waren wir in der wohlig warmen (naja, im Winter stark überhitzen) Bauernstube. Oma hat gerne und ausreichend gekocht und gebacken. Wie sehr haben wir uns auf ihre Mehlspeisen mit einer Gier gestürzt, als wäre es das letzte Essen für Ewigkeiten. Ich muss sofort lächeln, wenn ich nur daran zurückdenke. Nirgendwo habe ich so gerne Schmalzbrot mit Zwiebel gegessen, wie bei ihr. Auch wenn nur wenig Hunger da war, ein Schmalzbrot war immer noch möglich.

Es gibt noch mehr Oma-Erinnerungen, diese sind mir spontan eingefallen. Vielleicht folgt eine Fortsetzung, wer weiß …


Das folgende Gedicht von Norbert van Tiggelen passt sehr gut in meine derzeitige Gefühlswelt und ist meinem Empfinden nach, ein stimmiger Abschluss dieses Artikels:

Omas Spuren

Welche Spuren meine Oma tief in mir doch hinterließ,
würd‘ ich ihr so gerne sagen, jetzt sofort im Paradies.

Sie erzählte mir Geschichten, streichelte mir sanft das Haar;
ihre Art, mich aufzumuntern, war ganz einfach wunderbar.

Sie kurierte meine Wunden, in der Seel‘ und auf der Haut.
Ihr hab ich zu allen Zeiten ohne Zweifel blind vertraut.

Jetzt ist sie schon lang im Himmel, doch so manch Erinnerung blieb.
Hör, mein liebes Omi-Seelchen, ich hab dich noch heute lieb!

©Norbert van Tiggelen

 

Ich wünsche dir eine schöne Adventzeit!

Herzliche Grüße & Namaste
Astrid

 

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